Da Boxe Éducative ausschließlich im Leichtkontaktmodus betrieben wird, ist es notwendig, spezifische Trainingsmethoden einzusetzen. Es ist widersprüchlich, im Trainingsprozess die Schläghärte zu verbessern, sie nachher - in Partnerübungen oder im Sparring - wieder zu verringern. Es reicht nicht aus, die Schläge bei Partner­übungen lediglich zu kommentieren: „Schlage lockerer, nicht so hart“! Die Härte eines Schlages ist keine feste Größe, sondern wird von Person zu Person unterschiedlich beurteilt. Es bedarf intensiver Übung, zwar die Schlaghärte zu minimieren aber dennoch die Geschwin­digkeit beizubehalten. 

Kernstück des Trainings stellen daher sogenannte Sensibilisierungsübungen dar. Diese werden grundsätzlich mit einem Partner durchgeführt.

Übungen zur Sensibilisierung dienen dazu, die eigene Kraft und Schlagstärke kennenzulernen und einen angemessenen und vorsichtigen Umgang mit beidem einzuüben. Der Umgang mit körperlicher Kraft in der partnerschaftlichen Auseinandersetzung ist kein einfaches Thema für die Schulen. Körperliche Auseinandersetzungen und Kräftemessen werden nur wenig ausprobiert und geübt, da es an schlüssigen Konzepten hierzu mangelt. Schülerinnen und Schüler sind daher kaum in der Lage, ihre eigene Kraft zu erfahren. Boxe Éducative ermöglicht einen regelgeleiteten, authentischen, mit Spaß verbundenen und zugleich sensiblen Umgang mit der eigenen Kraft. 

Übungen zur Sensibilisierung

Grundsätzlich dürfen Sensibilisierungsübungen nur in einer möglichst angstfreien Atmosphäre durchgeführt werden. Eine vollkommene Angstfreiheit kann aber keine grundsätzliche Voraussetzung für ein Partnertraining darstellen, denn Selbstsicherheit, Angstfreiheit, Vertrauen etc. sind immer auch wichtige Trainingsziele.

Bevor mit entsprechenden Übungen begonnen wird, muss mit der Gruppe in geeigneter Form erarbeitet werden, was passieren und was erwartet wird. Gruppen- und Verhaltensregeln müssen ebenso erarbeitet worden sein, wie logische Konsequenzen auf Regelüberschreitungen.

Als Abschluss von einer Trainingseinheit bietet es sich an, kurz und knapp über die Beobachtungen und Selbstwahrnehmungen zu sprechen.

 

Beispiele für Technik- und Vorübungen

  • Manchmal ist es für Anfänger schwierig, sich Führungs- und Schlaghand zu merken. Hier ist es sinnvoll, nur die entsprechende Hand zu bandagieren bzw. verschieden farbige Bandagen zu benutzen.
  • Erfahrungsgemäß fällt es Kindern und auch Jugendlichen nicht leicht, die Grundschritte (Führungshand-Passgang, Diagonalschritt mit Schlag) sicher auszuführen. Hierzu können Fußmatten genutzt werden, die im richtigen Abstand in eine Reihe gelegt und entsprechend "abgelaufen" werden sollen. Der richtige Fußabstand (ca. schulterbreit) wird mithilfe der Matte angezeigt und kann so effektiv vermittelt werden.
  • Partner A steht fest auf dem Boxen, Partner B und C auf jeweils gegenüberliegenden Seiten von A. Partner a lässt sich langsam nach vorne oder hinten fallen und wird von B oder C aufgefangen und in die Ausgangsposition zurückgeschoben.
  • Partner A schließt die Augen (Steigerung: bekommt eine Augenbinde), Partner B führt ihn durch den Raum und leitet ihn durch klopfen auf die jeweilige Schulterseite. Differenzierung: Führung durch akkustische Signale; Durchlaufen einer Hindernisstrecke etc.
  • Gassenlauf: Die Gesamtgruppe steht als Gasse aufgereiht, alle strecken ihre Arme gegeneinander. Ein Schüler beginnt, durch die Gasse zu laufen, wenn er auf der anderen Seite angekommen ist, folgt der nächste etc.

 

Beispiele für boxspezifische Übungen

Alle boxspezifischen Partnerübungen werden mit Bandagen, Mundschutz und Sparringshandschuhen (mindesten 12 Uz) durchgeführt, beim Sparring muss zusätzlich ein Kopfschutz getragen werden. Die Übungen sollten zunächst im Stand und erst mit steigender Sichereit in der Bewegung durchgeführt werden.

 

  • Partner A steht in der Kampfstellung und darf mit beiden Händen in die Luft schlagen. Partner B muss die Führungs- oder Schlaghand von A treffen (auch dann, wenn Partner A nicht schlägt).
  • Partner A steht mit verschränkten Armen, Partner B schlägt auf abgesprochene Trefferflächen (Handschuhe, Schultern, Körper, Kopf), später wird frei geschlagen.
  • Partner A streckt die Führungshand auf Kopfhöhe von Partner B, dieser muss sich um die Hand herum bewegen und Treffer setzen
  • Partner A schlägt vorsichtig eine Führungshand, Partner B weicht aus uns setzt Treffer.
  • Als Steigerung können die Übungen auch mit geschlossenen Augen von Partner A durchgeführt werden. Hierfür ist Grundvertrauen notwendig, dieses wird - wenn die Übungen gelingen - zugleich auch deutlich gefördert.

 

Leichtkontaktsparring

Es ist - je nach Gruppenkonstellation - relativ schnell möglich, zunächst bedingtes, später auch freies Leichtkontaktsparring durchzuführen. Voraussetzung hierfür ist, dass die Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, ihre Impulse zu kontrollieren sowie die Grundtechniken in Ansätzen beherrschen. Es gibt natürlich keine Regel dafür, ab wann mit dem ersten Leichtkontaktsparring begonnen werden soll, hier differieren die Meinungen stark voneinander. Während die Einen betonen, dass zuerst die Grundtechniken "schlafwandlerisch" beherrscht sowie umfangreiche konditionelle Voraussetzungen gegeben sein müssen, ist die andere Seite der Auffassung, dass es einer starken und möglichst frühen Verschränkung zwischen Techniktraining und dessen Erprobung im Sparring geben muss (diese Perspektive wird oftmals beim Boxe Éducative in Frankreich eingenommen).

Wie man sich auch entscheiden mag, in jedem Fall gilt:

  • Strukturen geben Halt!
  • Vom Einfachen zum Komplexen, zunächst also Vorgaben machen ("bedingtes Sparring")
  • Zwischenzeiten ansagen

 

Folgende Methoden haben sich als hilfreich heraus gestellt:

  • Es trainieren immer drei Schüler gemeinsam
  • Partner A und B boxen zusammen, Partner C erhält eine Aufgabe, entweder Beobachtung, Zeitnahme oder Kampfrichter
  • Trefferflächen werden abgesprochen, bei jedem sauberen Treffer wird der Kampf kurz unterbrochen (durch Schüler C als Kampfrichter), A und B berühren die Wand, ihre Knie o.ä. und führen den Kampf nach Aufforderung fort. Der Partner, der getroffen hat, erhält einen Punkt.
  • Schlägt ein Partner zu hart, bekommt der andere drei Pluspunkte, bei Wiederholung oder unsportlichem Verhalten ist das Sparring abzubrechen und sind entsprechende Konsequenzen einzuleiten.